Die Tafel und ich

In dieser Woche bin ich zum ersten Mal an beiden Öffnungstagen bei der Tafel gewesen.
Bei uns kann man ja dienstags und donnerstag dorthin.
Heute möchte ich erzählen, wie es mir dabei geht/ging und was ich so erlebe.

Am Dienstag war ich sehr entspannt, hatte den Einkauf fest in meinen Tagesplan
integriert und doch fielen mir die ersten Schritte wieder schwer. Nun habe ich es
nicht so weit , es sind vielleicht hundert Meter bis zur Ausgabestelle. Ich wurde
zunehmend langsamer, aber " Augen zu und durch" . Eine "Bekannte " habe ich
schon und so warteten wir mit ein paar anderen bis geöffnet wurde.
Die Räumlichkeiten befinden sich in einer alten Kneipe und dort haben wir uns
in einer Ecke zusammengesetzt. Wir Mütter aus dem Kindergarten. Ja, noch
zwei andere Mütter gehen dort hin und wie meinte eine der beiden " Jetzt wo
du da bist, finde ich es nicht mehr so schlimm ".
Ich musste nur fünfzehn Minuten warten und war schon dran. Da hat man
natürlich noch ein wenig Auswahl.
Zu meiner Überraschung gab es diesmal auch glutenfreie Muffins.

2 Fotos oben Dienstag - 3 untere Fotos Donnerstag





Am Donnerstag hatte ich dann eine mir sehr peinliche Begegnung. Ich ging gerade aus der
Haustüre, da hält ein Auto neben mir. Es regnete ,  ich war ohne Schirm los, damit ich nachher
mit beiden Händen tragen konnte.
Y. lässt das Fenster auf der Beifahrerseite runter und fragt:
"Hey, soll ich dich mitnehmen ? "
" Nein , danke ich habe es nicht weit "
" Ich kann dich doch mitnehmen , du wirst ganz nass "
" Ich habe es nicht weit, danke "

Sie schaut mich an und fährt los.
So unfreundlich und kurz angebunden war ich noch nie, schon gar nicht gegenüber Y..

Aus Angst, dass sie zum Kindergarten fährt und dann unweigerlich auf dem Rückweg mir
quasi wieder über den Weg "laufen" würde, bin ich nicht zur Tafel, sondern habe mich gegen-
über in der Bushaltestelle " untergestellt".
Ich habe mich mit den anderen Frauen später darüber unterhalten und wir waren uns einig,
das zwar alle recht haben mit " du brauchst dich nicht schämen", aber wir es doch tun.
Wir haben über unsere Situation gesprochen.
Zum Beispiel, dass eine Mutter ihren Sohn aus dem Kindergarten abholt, ihn zur Oma
bringt und nur den Kleinen mit zur Tafel nimmt. Ihrem Großen sagt sie, sie geht einkaufen.
Wo ... also das Gebäude kennt er. Das Wort Tafel hat sie ihm gegenüber nicht erwähnt.
Meiner kleinen Tochter sage ich Dienstag und Donnerstag immer, dass ich sie zwischen
14.30 und 15.30 Uhr abhole ( ich weiß ja nicht wann ich fertig bin) . Wenn sie fragt,
was ich vorher mache, war ich bisher um eine Antwort verlegen. ( sonst sag ich ich muss
das oder das tun) . Ab heute werde ich ihr sagen, weil ich einkaufen bin.
Eine andere Frau, Tanja, die ich Donnerstag kennengelernt habe, sagte ...Grüß mir A.
Und ich so:" Was soll ich ihr sagen, wo ich dich kennengelernt habe ?"
Wir beide schauten uns betroffen an . ( Sie parkt drei Straßen entfernt um nicht gesehen
zu werden ) und einigten uns - beim Einkaufen.

Tatsache ist, ich muss mich vor mir selber rechtfertigen warum ich zur Tafel gehe.
Ich schäme mich , egal was andere mir sagen.

Y. hat mich übrigens am nächsten Tag angesprochen . Im Kindergarten.
Sich entschuldigt: " Du, ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich habe es später
verstanden ..."
Darauf habe ich ihr geantwortet, dass sie sich nicht entschuldigen braucht. Und
ich mir hinterher genauso Gedanken gemacht habe, weil ich so unfreundlich
war und das alles nur, weil ich mich schäme zur Tafel zu gehen. Es wäre mir
halt lieber zu sagen: " Ich gehe zur Tafel, weil ich gegen Lebensmittelverschwendung
bin ".

Heute habe ich mein Haushaltsbuch aktualisiert und die Quittungen der letzten Tage
erfasst.
Die erste Woche des Januar ist um und ich habe genauso viel Geld für Lebensmittel
ausgegeben, wie im November, als ich noch nicht zur Tafel ging.
Durch meine Bilder von den Einkäufen und den Berichten über das was ich gekocht
habe, erhoffe ich mir am Monatsende einen Überblick, ob ich auch im Februar
weiterhin dorthin gehen möchte. Denn es ist auf jeden Fall ein Zeitaufwand der
mich in dieser Woche mit Anstellen vier Stunden gekostet hat.
Wenn ich mir die Bilder oben anschaue, dann fällt mir auf, dass ich nicht wirklich
für vier Leute kochen konnte mit diesen Zutaten. Vielleicht fehlt mir ja auch noch
die Übung zum Improvisieren. Diese Woche waren sie eher ein Zugabe.
Ich kann mir auf jeden Fall jeden Morgen eine Apfelsine pressen. Die Joghurts
diese Woche waren glutenfrei, so dass ich auch einen essen konnte. Die Kleine
hat Joghurts bekommen, die ich nie gekauft hätte und ist überglücklich. Wenn
man Zucker reduzieren möchte, sind die handelsüblichen Joghurts dabei keine
Hilfe.
Kartoffeln haben wir auch in Hülle und Fülle, da werde ich mich wohl umstellen
müssen, da ich Kartoffeln nicht so gerne esse. Morgen will ich mal Fritten mit
der Kleinen selber machen. Puree und Bratkartoffeln kommen bei den Kindern
gut an. Gratin auch. Wie gesagt, hier bin ich die makelige.
Das Gemüse und Obst.
Zu 75 Prozent bestehen die Besucher aus Nichtdeutschen. Sie sprechen auch kein
Deutsch oder nur sehr, sehr wenig.  Was ich beobachten konnte. Zwiebeln, Tomaten
Salat und Brot wollen sie immer in Mengen - Obst gar nicht. Es liegt wohl daran,
vermutete eine Ehrenamtlerin, dass die meisten gar nicht wissen, was sie damit
kochen sollen. Da haben wir was gemeinsam. Chicoree bleibt grundsätzlich liegen
- den nehme ich mir meistens mit. Genauso wie Möhren. Paprika und Tomaten
gab es in Hülle und Fülle, sogar am Donnerstag kurz vor Schluss noch. Suppengrün
ebenfalls. Und Kräuter in Töpfen. Ich habe mir vorgenommen, bewußt auch die
Dinge zu nehmen, mit denen ich in der Vergangenheit nicht gekocht habe oder
aber die ich noch nie gegessen habe. Im Internet finde ich die Informationen zur
weiteren Verarbeitung.

Noch ein letztes Wort heute.
Ich bin die Nummer 320 . Soviele sind in unserer Stadt Kunde bei der Tafel.
320 Haushalte. Mal Ein-Personen-Haushalte und mal 4-5 Personen. Alle
diese Menschen können zweimal in der Woche unter Massen Brot wählen.
Massen. Unfassbar viele Brote bleiben sogar übrig.
Massenware Brot.
Gleiches gilt für Apfelsinen und Mandarinen.
Würden wir sie nicht kaufen ... wären sie in der Mülltonne gelandet.

Nein - ich darf lernen mich nicht zu schämen.






Kommentare

  1. Hallo Sammlerin,
    also ich finde es durchaus sehr positiv, dass du dir Gedanken darüber machst, zur Tafel zu gehen - viele Leute nutzen einfach aus was ihnen offen steht, obwohl sie locker auch ohne auskommen könnten.
    Ich glaube man muss sich einfach bewusst werden, dass der gesellschaftliche Wert einer Person nicht vom Einkommen und wo man einkauft abhängt. Auch wenn einem das durch die Werbung immer suggeriert wird (aber die Werbung ist psychologische Manipulation von Konzernen, die darauf angewiesen sind, dass die Menschen Geld haben und für ihre Sachen ausgeben - darum muss dieses falsche Bild in unsere Köpfe gehämmert werden).

    Aus Kartoffeln kann man auch prima Kartoffelecken rösten, mit Tsaziki oder Kräuterdip. Oder größere Kartoffeln kochen, aushöhlen, das Ausgehöhlte mit Tomaten, Schafskäse, einem Ei, Zwiebel und zerkrümeltem altem Bort mixen, wieder rein drücken, geriebenen Käse drauf und dann überbacken. Wenn Suppengrün und Möhren da sind, bietet sich doch auch Eintopf aus Kartoffeln an. Kann man auch in einem ausgehöhlten Brot servieren :)

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    1. Hallo Feri,
      danke für die Tipps und die lieben Worte. Ja, die Werbung ist manipulativ ohne Ende. Sie suggeriert uns was wir "brauchen" und nicht was uns gut tut.

      Liebe Grüße
      die Sammlerin

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  2. Ich verstehe Deine Gefühle dabei auf jeden Fall. Da können noch so viele sagen dass Du Dich nicht schämen zu brauchst. Es ist und bleibt sicher eine Überwindung für den Menschen. Aber Du beweist in meinen Augen sehr viel Stärke, schon alleine indem Du hier darüber berichtest. Fühl Dich mal gedrückt <3

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  3. Ich finds klasse, dass du deine Gedanken und Gefühle hier so offen kommunizierst. Und ich mag dich ein bisschen beruhigen: Die Schublade, in die du dich steckst, hast _du_selber_ im Kopf. Es gibt absolut keinen Grund sich zu schämen. Wenn, dann sollten wir alle uns schämen, in einem Land zu leben, wo du als Alleinerziehende praktisch automatisch in Hartz IV landest (ein bisschen übertrieben, aber nicht sehr...)

    Ich finde es es viel viel schlimmer, dass tagtäglich so viele Lebensmittel weggeworfen werden (müssen), die absolut essbar sind. Und ich bin sehr froh, dass es die Tafeln gibt, die es "erlauben", dass diese Lebensmittel eben nicht weggeworfen, sondern gegessen werden. Traurig, dass man dazu hierzulande einen Bedarfsschein (oder wie heißt das?) braucht, um Lebensmittel vor dem Müll retten zu dürfen. Ja, du DARFST LEBENSMITTEL RETTEN. Ich geh oft bei den Tafeln bei uns vorbei und ich freu mich jedes Mal, dass es sie gibt: Eine Organisiation, die Lebensmittel rettet. Und quasi als Nebenwirkung auch noch Menschen hilft, kostengünstig satt zu werden.

    So jedenfalls seh ich das.
    knuddles
    zaubi

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    1. Hallo Zaubsie, ich hatte mich ja so darüber gefreut, dass es aus glutenfreie Sachen gab, also wirklich als glutenfrei ausgezeichnet. Ich weiß woher sie kommen und darum bin ich in einen anderen Laden, der die Produkte auch führt. Mit der Teamleitung habe ich darüber gesprochen, ob sie nicht auch glutenfreie Produkte an die Tafel abgeben könnte ( ich bekomme sonst immer privat eine Nachricht,dass dort etwas für mich zur Abholung bereit ist ) . Von ganz oben verboten, Produkte an die Tafeln weiter zu geben. Das macht mir nachdenklich.
      Du hast Recht schlimm das man als Alleinerziehende so schnell bei Hartz IV landen kann und so schlecht wieder ganz raus kommt.
      Aber wenn ich auf Familien treffe, bei denen einer Vollzeit arbeitet und die Familie trotzdem mit Hartz IV aufstocken muss, was für ein Armutszeugnis
      für unseren Staat.
      Liebe Grüße
      die Sammlerin

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  4. Schäm dich nicht! Wenig Geld zu haben ist keine Schande. Ich finde es eher beschämend, dass in einem Land mit lauter Multimillionären viele Menschen für bezahlbares Essen anstehen müssen...

    Kartoffeln mag ich am liebsten aus dem Ofen, einfach waschen (Schale kann dann dran bleiben), würzen, ein bisschen einölen und dann gut 30 Minuten bei 200 Grad in den Ofen. Oft schmeiße ich noch allerlei Gemüse dazu - Paprika, Lauch, Aubergine, Zucchini, Kürbis, Pilze, was halt grad da ist. Ehrlich gesagt eines meiner Lieblingsessen!

    Alles Liebe
    Bodecea

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    1. Hallo Bodecea, ja manchmal sind Rezepte ganz einfach. Ich hatte dann heute Rosmarinkartoffeln ....mmmmmh. Dem Rosmarin geht es auf dem Balkon ja sehr gut, bei diesem milden Temperaturen.

      Liebe Grüße
      die Sammlerin

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  5. Ich habe deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Ich kann gut verstehen, dass du dich dafür schämst, bei der Tafel Lebensmittel zu holen. Ich weiß nicht, ob ich das nicht auch tun würde. Aber: DU BRAUCHST DICH NICHT ZU SCHÄMEN!!! Du tust ja nichts Unrechtes, sondern bist halt momentan in einer Notsituation. Du sorgst mit den Lebensmitteln gut für deine Kinder, bringst ihnen ein selbstgekochtes Essen auf den Tisch. Das ist es doch auf jeden Fall wert. Wir sollten aufhören, die Menschen nach der Höhe ihrer Bankkonten zu messen!
    Ganz liebe Grüße
    Jutta

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    1. Danke Jutta, für die lieben Worte.

      die Sammlerin

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